Donnerstag, 1. März 2007

Amandus Abendroth

Memoriam
Viri consularis
AMANDI AUGUSTI ABENDROTH
J.U.D
Publica auctoritate
Civibus commendavit
C.F.Wurm
Hamburgi 1852


Erinnerungsschrift
an den Bürgermeister
Amandus Augustus Abendroth
Doktor beider Rechte
Mit Genehmigung des Senats
den Bürgern anempfohlen von
Christian Friedrich Wurm
Hamburg 1852
[© für die erstmalige Übersetzung : Reinhard Pohl ]


I.

AMANDUS AUGUSTUS ABENDROTH kam am 16.Oktober 1767 als Hamburger zur Welt. Über seine Abstammung und sein Leben vor seiner Wahl in den Senat gibt es nur wenige Unterlagen, die mir zur Kenntnis gelangt sind. Ehe er auf das Akademische Gymnasium ging, verlor er seinen Vater, der ein geschäftstüchtiger Mann war, zudem mit Literatur und Wissenschaften nicht nur oberflächlich vertraut und der außerdem über große praktische Erfahrung verfügte 1). Die Tatsache, dass er so früh gleichsam selber sein eigener Vormund wurde, hat meiner Meinung nach im Hinblick auf seinen Charakter erheblich dazu beigetragen, seinen Geist zu festigen und ihn auf das Ertragen von Glück ebenso wie von Unglück vorzubereiten. Er studierte derweilen an der Universität Erlangen, wo er vor allem Vorlesungen von Glück, Klüber und Meusel besuchte. Er gehörte, so haben wir erfahren, zum Freundeskreis von Altenstein, Nagler und Struvius. Mit Altenstein ergab sich später für ihn eine erneute freundschaftliche Beziehung. Die Freundschaft mit Struvius setzte sich fort und wurde sogar noch enger, als dieser in unserer Stadt über eine Reihe von Jahren hin das Amt des russischen Gesandten bekleidete und im Umgang, Wissen und in schließlich jeder Facette von Bildung hervortrat und dabei gleichermaßen liebenswürdig blieb.

Nachdem er in Göttingen „rite“ (so nämlich sagt man jetzt) promoviert worden war, kehrte er nach Hamburg zurück, aber nicht, um die Segel einzuziehen oder (was den meisten sehr lästig zu sein pflegt) darauf hinzuarbeiten, in diesem täglichen, emsigen städtischen Leben völlig aufzugehen. Sondern er bot sich dem um wenige Jahre älteren Freund, Johannes Heinrich Bartels, als Begleiter an. Dieser hatte sich bei seinen Wanderungen in Italien (dessen südlichen Teil zusammen mit der Insel Sizilien er wissenschaftlich beschrieb) in Venedig mit einer reichen jungen Frau verlobt und nun beschlossen, Venedig erneut aufzusuchen, um sie zu ehelichen. Unser Freund des Verlobten

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wurde mit übergroßer Gastfreundschaft in der Reckschen Villa (diesen Namen trägt jene Familie) aufgenommen und als er die zweite Tochter des höchst angesehenen Kaufmanns Reck zum ersten Mal erblickte, wurde ihm klar, dass sich für ihn ein Weg mit Glück verheißenden Vorzeichen aufgetan hatte. Und so heiratete er zwanzig Tage nach der Hochzeit Bartels’ die Schwester der neuen Braut, Johanna Magdalena.

Wenn sogar noch fünf Jahrzehnten die Jahrestage dieser beiden Hochzeiten angebrochen waren, wurden sie mit einem solchen Aufzug der Bürger gefeiert, dass die private fröhliche Veranstaltung sich in eine öffentliche Gratulationsversammlung verwandelt zu haben schien. Und diejenigen, die ich eben noch junge Männer genannt habe, die waren schon bejahrte Träger höchster senatorischer Ämtern geworden, an denen man abschätzen kann, von welcher Gesinnung Gott gegenüber sie voller Dank durchströmt und von welchem Verantwortungsbewusstsein sie getragen waren im Blick auf ihre Vaterstadt, die durch so viele Drangsale hindurch, von Unheil bedrückt, aber nicht unterdrückt ihre Freiheit sowohl wiedergewonnen als auch bewahrt hatte, obwohl auch jene unter den einstmals so vielen freien Städten, in der sie einst ihre Festtage verbracht hatten (ich rede von der blühendsten Republik, der Schiedsrichterin der Adria), unter fremde Herrschaft gefallen war.

Wenn aber Abendroth, nachdem die Reise nach Italien mit der Hochzeit so glücklich verlaufen war, beschlossen hätte, nach der Rückkehr in sein Vaterland das Leben in Frohsinn aufgehen zu lassen, hätten dafür unter den damaligen Zeitläufen weder Beispiele noch die Gelegenheit gefehlt. Außer nämlich der gewöhnlich florierenden Schifffahrt und der Gelegenheit, Handel zu treiben, die in bestem Maße vorhanden war, sind unseren Bürgern einzigartige Gewinnmöglichkeiten aus dem Verlauf der Kriege selber erwachsen, die den anderen zwar Schaden, uns aber Gewinn brachten. Da mit dem Reichtum der Luxus anwuchs und die Stadt von Fremden überquoll, wurde nun eine gewisse Unbeständigkeit des Charakters für eine verfeinerte Eleganz gehalten. Aber er, Abendroth, der sein ganzes Leben lang meinte, dass man die Pflicht dem eigenen Vorteil vorziehen müsse, richtete auch damals sein Interesse nicht nur auf ernste, sondern sogar auf mühselige Angelegenheiten, die im Verhältnis zum bedeutenden öffentlichen Nutzen nur eine geringe ruhmvolle Beachtung zu verschaffen schienen.

Nachdem seit mehreren Jahren von Privatleuten der Versuch gemacht worden war, auf welche Weise man denn diejenigen unterstützen und begünstigen könnte, von denen man wusste, dass vor allem sie in der Stadt Not litten, war eine öffentliche Armenfürsorge unter der Urheberschaft von Büsch, Voght und anderen sehr angesehenen Männern durch Gesetz institutionalisiert worden, dass nicht irgendjemandem Hilfe gegeben würde, der die Arbeit scheute, und dem Hilfe nicht verweigert würde, der ihr nicht

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gewachsen wäre. Da diese Regelung sich ganz auf Kontrollgänge, Erkundigungen und Untersuchungen in der Fürsorge um einzelne Personen gründete, entsprach sie in einzigartiger Weise der Begabung Abendroths, der sodann von 1795 an seine unermüdliche Tatkraft für die Fortentwicklung jener Einrichtung einsetzte. Diese Männer waren bald soweit, dass sie öffentlich erklären konnten, was in einer so großen Anzahl von Menschen neu und noch nie gehört worden war: sie hätten die Bettelei abgeschafft. Daraufhin ging durch Großbritannien, Frankreich und Österreich die frohe Botschaft, dass es einen Platz für arme Menschen gebe und dass dieser von jeder Art Einheimischen und Fremden stark besucht sei, an dem zu Recht eine Geldstrafe angedroht würde, wenn irgendjemand bettele oder einen Bettelnden unterstütze. Zwar hatten sie die Bettelei aufgehoben, aber, wenn man Abendroth dazu hören möchte, nach einem keineswegs zu billigenden Verfahren 2). Er pflegte nämlich zu sagen, nichts sei einfacher und natürlicher als die erste Phase des Handelns selber; aber diejenigen, die sich dann im Laufe der Zeit mit dieser Angelegenheit beschäftigt hätten - wie unter anderen auch er selber - wüssten noch nicht, auf welche Art und Weise sie allzu weich und nachgiebig gewesen wären. Hinreichender Beistand würde den Eltern nicht in ihrem Namen, sondern in dem ihrer Kinder gewährt, so dass eine bessere Bedingung für denjenigen bestünde, der öffentliche Hilfe anstrebte, als für den anständigen Menschen, der mit viel Schweiß und Mühe sich und die Seinen versorgte. Sodann sei bei Baumaßnahmen, Unterstützungen und Wiedergutmachung von Schäden üppiger gehandelt worden, als es die sachliche Notwenigkeit erforderte und als die wenig später veränderten Zeitläufe und geschmälerten Ressourcen es zuließen, während die Elbe durch die Blockade bedrängt wurde und Kriege, schreckliche Kriege, das Meer unsicher und auch den Kontinent unsicherer machten. Dies und dergleichen erklärte Abendroth nicht nur seinen Freunden gegenüber, sondern auch in aller Öffentlichkeit. Selbst wenn man schon irgendein Amt nach besten Kräften ausgefüllt haben mag und man mit sich selber zufrieden sein dürfte und von anderen deshalb Lob geerntet haben sollte, würde man nicht ohne Schmerz und Gemütsbewegung erkennen, dass man sich geirrt habe und dass man gewissermaßen von seinem Vorhaben abgekommen sei. Dies zu merken, ist ein Zeichen von Klugheit, es zu bekennen, zeugt von Tapferkeit. Hinzu kam, dass Abendroth, fast schon ein Greis, als andere jene gleichsam goldenen Jahrhunderte in lebhafter Erinnerung wieder auferstehen ließen, eben nicht die Rolle eines Schönredners der verflossenen Zeit einnahm, sondern die eines unvoreingenommenen Nachforschers und, wenn es Not tat, auch die eines Tadlers.
Und sogar als man ihn aus dem Amt vertrieben hatte, war er bereit, dem Staat zu dienen. Es gibt in unserer Stadt eine Gesellschaft, die großen Eifer nicht nur für die Künste, sondern

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bei der Förderung des allgemeinen öffentlichen Fortschritts an den Tag legt, eine um den Staat höchst verdiente Gesellschaft, die gemeinhin mit dem Namen „Altehrwürdige“ bezeichnet wird.
Bei deren Zusammenkunft stellte Abendroth den Antrag, unter Aussetzung eines Preisgeldes geeignete Männer dazu anzuregen, die Form des Hamburger Staates zu erklären und zu illustrieren, damit eine solche wissenschaftlich aufbereitete, sorgfältige Beschreibung den Unsrigen nicht fehle 3). Es sei nicht das Verlangen eines Unkundigen. Unsere Bürger würden ihre Vaterstadt nicht mit der geschuldeten Liebe ins Herz schließen und die Freiheit selber nicht in gebührender Ehre halten, wenn die Beschaffenheit der Republik nicht erkannt und durchschaut worden wäre. Diese Kenntnis schulde man unseren Schulen, d.h. der Jugend, auf der die ganze Hoffnung des Staates ruhe.
Der Zweck dieses Antrags und dessen Grund schienen mir noch auf etwas anderem zu beruhen: es gibt Anlass zu vermuten, dass Abendroth ziemlich neugierig auf eine Untersuchung des öffentlichen Rechts unserer Stadt war. Als aus einer begrenzten Angelegenheit, wie es zu geschehen pflegt, eine heftigere Kontroverse entstanden war über die Befugnisse der Magistrate, handelte er diese Frage ausführlich schriftlich ab 4). Es war vor allem Unruhe ausgebrochen über die Bedeutung des Richtergesetzes, das für Abendroth nach genauerem Abwägen nicht einmal ein Gesetz zu sein schien. Als dieser sah, dass ein ernsthafter und gebildeter Mann zu einer völlig anderen Interpretation gelangte, urteilte er, dass jene Doppeldeutigkeit folgerichtig aus der Unkenntnis des öffentlichen Rechts hervorgegangen war. Und was einem römischen Bürger höchst schändlich schien, dem meinte er mit aller Macht sich entgegenstemmen zu müssen, dass dies in unserem Falle nicht eintrete, d.h. dass diejenigen den Staat nicht kannten, die in ihm öffentliche Tätigkeiten ausübten, und dass diejenigen Magistratsämter bekleideten, die aufgrund der Unkenntnis ihres Rechtes nur soviel wüssten, wie die Amtsdiener wollten.

Im Jahre 1800 unternahm er in Begleitung seiner Gattin eine Reise, um Venedig wiederzusehen. Auf dem Rückweg von Italien erhielt er in Frankfurt am Main die Nachricht, er sei in Abwesenheit in den allerhöchsten Senat hinzugewählt worden. Kaum hatte er dieses Amt angetreten, da standen jene Zeiten bevor, die man höchst zutreffend die Nacht der Republik nennen dürfte, und in denen vor allem aufrechte Männer vermisst werden sollten. Damals aber wurde deutlich, dass Abendroth bei seinem Entschluss nicht vollmundiger als es der Wahrheit entsprach die Zusage gemacht hatte, die er einem Freunde gegenüber bekundete, er würde sich Mühe geben, dass die Republik die erfolgte Wahl niemals bereuen sollte 5).
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II.

Wie tatkräftig er die Prätur verwaltete, dafür gibt es viele Zeugen, und ich möchte das Lob Bernadottes, der sich zur damaligen Zeit mit Amtsgewalt in der Stadt aufhielt, hinsichtlich dieses Engagements nicht an letzter Stelle erwähnt wissen 6). Es war vor allem darauf hinzuwirken, dass die Gesetze nicht schwiegen, während die Waffen sprachen.

Im darauffolgenden Jahr 1809 ist Abendroth nach Ritzebüttel gesandt worden, um diesen Ort zu regieren, der, durch Schutztruppen und Abgaben an den Rand des Ruins gewirtschaftet, nach einem starken Manne verlangte, welcher nicht nur ein Verwalter, sondern auch Verteidiger und Beschützer sein sollte 7). Dieses Amt, das freilich zu jeder Zeit ein sehr ehrenhaftes, doch nun während so vieler gefährlicher Situationen ein recht schwieriges geworden war, trat er am 23. April an. Abendroth verschaffte sich in kurzer Zeit so die Gunst der Bürger, dass sie einhellig beteuerten, ihnen sei ein Vater und nicht ein Amtmann geschickt worden.

Es gibt dort eine alte Festung, mit Türmen bewehrt, welche die Einheimischen ehemals mit Waffengewalt besetzt, dann aber käuflich und rechtmäßig erworben hatten, ehe sie diese zum Sitz ihrer Verwaltung machten. Dort war der Schauplatz für die häufigen Zusammentreffen zwischen Bürgern und Fremden. Sogar die französischen Offiziere erfuhren oft die gebildete Umgangsform des äußerst gastfreundlichen Amtmannes, der selber von solch gewichtigem Einfluss war, dass er mit einem Wort gleichsam wie mit einem Wink die militärische Willkür in ihre Schranken verwies. Die Franzosen hatten fast jeden Tag Ruhe vor dem Feind, es sei denn, dass sie zuweilen von einer plötzlichen ängstlichen Geschäftigkeit angetrieben wurden, wenn bewaffnete englische Schiffe aus der Ferne wahrgenommen, nicht nur den Seefahrenden den Zugang zum Hafen zu versperren, sondern schon in ihn einzudringen und in ihm angekommen zu sein schienen, um dort zu landen und die Besatzungstruppen anzugreifen.

In jenem selben Jahr entstanden nicht improvisierte, sondern wohlerwogene Pläne, dass sich das ganze am Ozean gelegene Deutschland erheben sollte. Alles war bereit, mit Beistand und Waffen aus England versehen und mit deutscher Planung und Tüchtigkeit organisiert 8). Jedoch da kam auf einmal der Waffenstillstand, von dem Österreich meinte - entgegen der Hoffnung aller -, es müsse damit der sich verschlimmernden Kriegssituation entgegenwirken. Hinsichtlich dieses Waffenstillstands kann kaum verdeutlicht werden, welch große Unentschlossenheit seinetwegen von den Norischen Alpen bis zu

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den Küsten der Elbe die Gemüter ergriff. Auch die Pläne der Engländer waren zunächst durcheinandergebracht, dann in eine von schlechten Vorzeichen geleitete Expedition umgemünzt worden. Unter den Deutschen haben nur sehr wenige vorgezogen, während die übrigen völlig mutlos wurden, eher von einer Niederlage gebrandmarkt zu werden als unter der Besatzungsmacht zu leiden 9); es siegte nämlich in einer mehr als zweifelhaften Lage [um mit Vergil zu sprechen],
es siegte die Liebe zum Vaterland und die edle Begierde nach Lob.

Doch Abendroth vertrat eine weit davon abweichende Meinung. Da er diese großen gewaltsamen politischen Bemühungen für völlig fruchtlos hielt, meinte er, man müsse die ganze Hoffnung auf eine Verzögerung setzen, Ratschläge für jede unmittelbare Notlage nach besten Kräften geben, die allgemeinen Pläne hingegen den Verhältnissen anpassen 10).

Unter der Anzahl der Gäste, die ehrenhalber zu begrüßen waren, befand sich auch Jérôme, der König von Westfalen, der jenen – ich weiß nicht, ob ohne Neid - Exponierten und Abgetrennten gleichsam als einen aus seinem Reich Fortgeschleppten betrachtete. Diesen König hat Abendroth so prächtig und aufwendig und mit solcher Würde empfangen, dass der Hamburger Senat beschloss, nach der Lektüre des Briefes über diesen Besuch mit einer Danksagung antworten zu müssen 11).
Doch sehr bald näherte sich der Zeitpunkt, an dem unsere Stadt zu einem Hauptort des französischen Kaiserreichs herabgestuft wurde, ohne dass auch nur der Anschein einer freien Republik übrig blieben. Daraufhin aber einigten sich die neuen Herren auf Abendroth, dass dieser als einziger von allen der Geeignetste wäre, dem unter dem Oberbefehl des Präfekten die Sorge um alle städtischen Angelegenheiten zu übertragen sei. Es sind noch Briefe von Chaban erhalten 12), in denen er Abendroth als Kandidat empfiehlt und Davout auffordert 13), die Gesandten der Stadt, die zu Jahresbeginn nach Paris geschickt worden waren, so schnell wie möglich zurückzurufen und die neue Staatsordnung mit allen Mitteln und mit aller Energie einzurichten, damit nicht irgendwelcher Hoffnung oder Unschlüssigkeit noch Raum gegeben würde.

Bevor Abendroth das neue Amt antrat, wurde er selber mit seinen Kollegen, dem höchst angesehenen Bartels und mit Knorr, dem äußerst verdienten Quästor, nach Paris geschickt, um am feierlichen Gepränge teilzunehmen und dem Kaiser zu seinem gerade geborenen Sohn zu gratulieren. Jener freilich war der „Prinz der Jugend“, von dem man rühmte, er sei dazu geboren, die Römer mit seinem königlichen Titel zu versöhnen. Abendroth begrüßte damals zum ersten Mal Montalivet, der sich sehr freundlich seiner annahm und sich, als jener versuchte

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zum Kaiser vorzudringen, bei den Hofzeremonien gewissermaßen als Musenführer anbot 14).

Abendroth sah zwar Napoléon, aber dicht umdrängt und von der Menge der ihn Begrüßenden gleichsam belagert 15) . Er sah sogar die Kaiserin 16). Aber mitten im berauschenden Eindruck überquellender höfischer Zierde tauchte die Erinnerung an seine Vaterstadt auf, die den ihr schuldigen Dienst verlangte 17). Er selbst schien sich seiner Pflicht davon zu stehlen, solange er durch Spielereien und nur unter dem Anschein einer wirklichen Mission im Ungewissen gehalten wurde. Ungeduldig angesichts der Verzögerung forderte er eindringlich die Erlaubnis zur Rückkehr für sich und seine Kollegen. Er selber ermahnte Chaban mit höchstem Nachdruck, dass nicht irgendetwas in der Verwaltung der städtischen Angelegenheiten ohne hinreichende Überlegung oder durch unerfahrende Fachleute erneuert werde 18). Und mit nicht geringerer Sorge bemühte er sich, für die öffentlichen Privilegien der Ritzebütteler von Nutzen zu sein. Als ihm die Erlaubnis erteilt wurde, seinen dortigen Nachfolger vorzuschlagen 19) und ihm die Gelegenheit gegeben worden war, seine Ansichten über die Einrichtung der Gerichtshöfe zum Ausdruck zu bringen 20), hat er diese Möglichkeit, soweit er es vermochte, zumindest so genutzt, dass die Stadt so wenig wie möglich die veränderte Zügelführung verspüren sollte.
III.VII

Zu Beginn des Jahres 1813 haben die Hamburger nach dem Abschütteln des französischen Jochs nicht nur das Lob, sondern überdies die Bewunderung ganz Deutschlands erlangt 21). Wenn sich irgendjemand Abendroth als Führer und Förderer einer so großen und so glänzenden politischen Umwälzung wünschte, müssten wir offen darlegen, welche Rolle dieser zum damaligen Zeitpunkt und aus welchem Grunde für sich in Anspruch nahm, damit nicht jene Bemerkung Ciceros (Brutus 16) auf uns zurückfalle, dass gerade durch Belobigungen die Geschichte unserer Angelegenheiten sachlich verfälscht worden sei. Jener selbe, den so viele Franzosen als gerechten und im Vorsatz zähen Mann erfahren hatten, jener, so sage ich, von dem das Zeugnis so vieler Bürger einstimmig berichtet, dass er sich in der Würde seines Amtes unerschrocken und für das öffentliche Wohlergehen engagierter als für sein privates gezeigt habe, meinte zu diesem Zeitpunkt, das Gemeinwesen solle nicht durch eine vorschnelle Überlegung, sondern durch Zurückhaltung in die rechte Bahn gebracht werden, obwohl er fest davon überzeugt war, dass diese Einstellung vielen Männern, und zwar den beherzten und den ihm selber freundschaftlich verbundenen missfallen würde.

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Wer sich die Geschichte jener Epoche genauer vergegenwärtigte, der würde desto leichter erkennen, dass der Ursprung jenes politischen Aufbegehrens in ganz Deutschland uneingeschränkt auf Seiten des Volkes lag, während die Magistrate abrieten oder öffentlich dagegen auftraten, da diese ja, nachdem die Erinnerung an die alte politische Lage verdrängt oder fast zerstört worden war, vollauf mit den lokalen Gefahren und den einem jeden naheliegenden Sorgen zu tun hatten. Als nämlich Westfalen Baseler Frieden sein eigenes Wohlergehen dem der deutschen Nation vorgezogen hatte – welch verabscheuenswürdiges Beispiel - , was wunder, dass auch in anderen Staaten dieser gleiche Egoismus sich des Anscheins höchster Klugheit zu rühmen schien. Dann aber, je nachdem ob Willkür oder Gewalt der Herrschenden drohte, waren die Magistrate leidenschaftlich bewegt, suchten Ausflüchte, riefen Gott und die Menschen zum Zeugen an, und, nachdem die Hoffnung auf öffentliches Wohlergehen aufgegeben war, legten sie sich mit allen Mitteln für ihre private Unversehrtheit ins Zeug. Es nahm dann auch unter den Bürgern dieselbe Verantwortungslosigkeit gegenüber Deutschland als Ganzem überhand. Alle höchsten Amtsträger wiesen auf, dass ein jeder für seinen Staat nicht nur nichts riskieren dürfe, sondern dass es fruchtlos sein würde, dem Tod entgegenzugehen angesichts der Schreckensbilder der Niederlage von Regensburg. So kam es dazu, dass die Staatswesen, denen ein Anschein von Freiheit übrig geblieben war, sich stürmisch zu ihrer jüngst gewährten Unversehrtheit gratulierten. Als freilich der Krieg ausgebrochen war und nur Geldleistungen auferlegt worden waren, hielten sie es für äußerst angenehm, dem Kriegsdienst entkommen zu sein und die kriegerischen Auseinandersetzungen gleichsam aus der Ferne beobachten zu können. Aus diesem Grunde kann kaum gesagt werden, wie viel der alten Loyalität und Tapferkeit weg gebrochen ist 22). Und es fehlte auch nicht an denen, die jeglichen Respekt (der dem Nachbarn gegenüber groß, dem Vaterland gegenüber am größten sein muss) mit vorgetäuschten Argumenten in ihren Herzen verdörren ließen. Der Handel beschränkte sich nicht auf irgendeine Region, sondern stützte sich auf internationales Recht, das zur weitesten Auslegung offen stehen sollte. Aus allen beliebigen Waren strömte der gute Geruch des Geldes. Mit dem Frieden zugleich würde das goldene Zeitalter wiederkehren. Hamburg würde es vergönnt sein, angesichts eines verringerten oder völlig aufgelösten deutschen Reiches der blühendste Handelsplatz der Welt zu werden 23) .

Sobald die Franzosen nur anfingen, ihren Rückzug vorzubereiten, entstand sofort eine ungeheure Aufregung. Zunächst hätte man verstreute Stimmen hören können, bald darauf eine fast einhellig vorgetragene Meinung: Deutschland würde von neuem wiedergeboren. Endlich erwache das im Todesschlaf versunkene Volk, das seine einstige Größe vergessen habe. Auch für uns sei die Zeit gekommen, sich zu erheben und den Begriff Deutschland wieder in Anspruch zu nehmen, wenn wir uns ihm nur würdig erwiesen haben. Man müsse Mut beweisen,

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unsere Kräfte, unsere Tapferkeit nutzen und auf den Spuren unserer Vorfahren, die die Freiheit in so vielen Kämpfen errungen hätten, einherschreiten.

Abendroth - sei es, dass er wenig Zutrauen in eine so plötzlich eintretende Wendung der Gemüter setzte, oder sei es nach genauerer Analyse der Sachlage -, hielt diesen Impetus für verfrüht. Die Bürger, die auf Grund ihrer Tapferkeit irgendetwas bewegten, könnten zwar Ruhm erwerben, die Freiheit jedoch vermöchten sie nicht zurück zu gewinnen, wenn sie nicht von föderierten Truppen von allen Seiten zum Schutze dicht umgeben wären 24). Es sei vorteilhafter, die Zeiten abzuwarten, als zu keinerlei Vorteil für Deutschland selber die Stadt Hamburg in eine äußerst bedrohliche Lage zu bringen. Was sollte man noch mehr sagen? Sich zu beeilen, sei aussichtslos, und die Stadt würde bald die Strafe für ihre Erhebung bezahlen. Davon war er so fest überzeugt, dass er der Begeisterung der Bürger nicht so sehr zürnte 25).

Wenn man aus den nachfolgenden Ereignissen urteilen wollte, stünde hinreichend fest, dass er die Dinge richtig vorausgesehen hatte. Wer kennt nicht die wirtschaftliche Not der Einheimischen unter der Last ihres Schicksals, die Unentschlossenheit in der russischen Hauptstadt, den inhaltslosen Trost von Seiten der Schweden und schließlich den Abfall der Dänen? Zwar erwies sich jene Hoffnung als maßlos und die Zuversicht, die in den Herzen der Bürger fest verankert war, als trügerisch, zuletzt als gar von Trug geblendet. Was jene versuchten, - freilich erfolglos und mit wechselndem Glück -, bleibt und wird im Gedächtnis aller Zeiten als Legende von den Dingen erhalten bleiben. Als Abendroth später das Schicksal der Stadt erneut überdachte 26), schien es ihm, obwohl er von seiner Meinung nicht abwich, dennoch gewissenhafter und respektvoller zu sein, mit beredten Worten die Tapferkeit derjenigen zu loben, die sich, soviel sie selber nur vermochten, um die Heimatstadt und den deutschen Namen höchst verdient gemacht haben.
Von Anfang an aber traute er, wie wir sagten, der Lage wenig und engagierte sich nur dahingehend, dass er bei den Feinden auf jede mögliche Weise wenigsten entschuldigte, was er nicht abwenden oder unterdrücken konnte. Die Stadt hätte nicht von sich aus, sondern wegen der plötzlich auftauchenden Russen an die Wiederherstellung der Republik gedacht. Die Bürger seien Befehlen gefolgt und hätten dann die Waffen, die sie nicht zurückweisen durften, ergriffen. Die Magistrate seien mit Gewalt gezwungen worden, sich ihren ehemaligen Status in Erinnerung zu rufen, da der Oberbefehlshaber der Russen klipp und klar bekannt gemacht habe, dass er die Stadt als Feindin ansehen würde, wenn nicht die Insignien der Franzosen beseitigt worden wären. Damit ein glaubwürdiges Dokument dafür vorhanden sei, befahl eine Versammlung, die für städtische Angelegenheiten zusammengerufen worden war, die Drohungen Tettenborns schriftlich festzuhalten,

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ehe die Hauptpunkte dem Senat mitgeteilt würden 27). Aus den Briefen Montalivets geht hervor, wie eifrig Abendroth an fast allen Tagen, ja sogar an jenem 18. März das Bild von der Situation der Stadt geprägt hat 28). Und nicht Montalivet allein wünschte sich häufige Nachrichten, sondern der Kaiser selber verfolgte die Hamburger Angelegenheiten mit geschärfter und angespannter Aufmerksamkeit, so dass niemand an einer drohenden Rache hätte zweifeln können 29) .
Wie eben in einem aufgewühlten Staatswesen häufig, fehlte es nicht an den Leuten, die zu dem Verdacht neigten, Abendroth für einen Parteigänger der Franzosen zu halten, ohne dass sie freilich seinen Charakter kannten 30). Den diesbezüglichen Schriftstücken, die öffentlich verteilt wurden, meinte der Senat mit einem feierlichen Edikt entgegen treten zu müssen 31). Natürlich hatte Abendroth selber seine Kollegen wiederholt aufgefordert, entschlossen das zu tun, was in einer fast verzweifelten Lage zu tun wäre 32).
Jedoch war alles überreizt und bald dahin gebracht, dass nur noch im Exil Rettung schien. Dann begab sich auch Abendroth., indem er Davouts Raserei und vor der Willkür der Militärgerichtsbarkeit entfloh 33), nach Doberan 34). Von dort aus wandte er sich brieflich an Montalivet und Chaban, die nicht für sein wie auch immer beschaffenes Schicksal, sondern für Hamburg beim Kaiser und Davout intervenieren sollten. Als die Erlaubnis zurückzukehren erwirkt war, hat er offen erklärt 35), dass er eher ins endgültige Exil getrieben werden wolle unter Verlust seines persönlichen Besitzes als sich zum Instrument einer brutalen Bestrafungspolitik gegenüber den Bürgern machen zu lassen. Nachdem anderen die zweifelhafte Ehre des Gehorsams überlassen worden war, begab er sich persönlich nach Paris, um nicht irgendetwas bisher Unversuchtes zur Rettung der Stadt zu unterlassen. Da er Davout nicht umstimmen konnte, setzte er seine ganze Hoffnung auf das menschliche Verständnis Montalivets. Was er selber an höchstem Elend gesehen hatte, die Heruntergekommenheit und tiefe Betrübnis der Stadt, die Strenge der französischen Herrschaft und schließlich deren militärische Schrankenlosigkeit, legte er mit unerschrockener Feder dar. Doch dann geriet das Schicksal des Kaisers geriet ins Wanken 36). Und da Montalivet von Geschäften erdrückt der Hamburger Sache nicht helfen konnte, zog sich Abendroth schließlich nach Kiel zurück, um in der Nähe zu sein, wenn irgendeine Hoffnung auf Freiheit aufschimmern sollte.
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Nachweislich haben sich Ende Dezember zusammen mit Abendroth mehrere repräsentative Bürger der Stadt Hamburg in Kiel aufgehalten. Lübeck war schon befreit, Holstein fast ganz erobert und nach dem Waffenstillstand war der dänische König selber zwar noch kein Verbündeter, jedoch nicht mehr als Feind beleumundet. Nachdem kurz darauf der Frieden von Kiel geschlossen worden war, schien die Sache sich endlich dahin zu wenden, dass der russische Feldherr mit nunmehr ausreichenden Truppen Hamburg durch eine engere Belagerung einschließen würde.
Daraufhin begannen die Menschen aufzuatmen, nicht jedoch wegen dieser Tatsache, sondern wegen der Hoffnung auf die Wiederherstellung der Republik. Aber diejenigen, die größere Hoffnung auf eine Eroberung als auf eine Belagerung gesetzt hatten, fielen von ihrer Erwartungshaltung ab, als am 18. Februar nach Abschluss aller diesbezüglichen Vorbereitungen die Elbe zufror. Dies beunruhigte Davout heftig, da es Zugang zur Eroberung der besetzten Brücke ermöglichte 37). Von den Russen erging daraufhin folgender Befehl an unsere Truppen, die zum Kampf in die erste Schlachtlinie eilten: sie sollten unverrichteter Dinge ins Lager zurückkehren, da der Plan einer offenen Schlacht fallen gelassen sei 38). Nachdem von überallher schwere Geschütze herbeigebracht worden waren 39), von denen Benningsen verkündet hatte, er könne auf sie nicht verzichten, und als dann überhaupt nichts passierte, konnte niemand im Zweifel sein, dass die Belagerung sich in die Länge ziehen, das Unglück der Bürger sich fortsetzen würde und damit die Bestrafung der in der Stadt marodierenden Feinde. Man kann sich vorstellen, wie höchst angespannt in dieser Zwischenzeit die Gemüter derer zwischen Hoffnung und Furcht schwankten, die ungeduldig wegen der Verzögerung und ohne Plan überhaupt nicht wussten, was sie tun oder lassen sollten.
Um wie viel glücklicher war Abendroth, für den nicht einmal politische Untätigkeit je so tatenlos war, dass er nicht irgend ein Übel abwendete oder eine unerledigte Verpflichtung zu Ende führte oder den Zurückgebliebenen den Weg zeigte, auf dem sie dem Staat dienen könnten. Zunächst verfasste er eine Schrift von zwar kleinerem Umfang, aber von höchstem Wert über die Wiedergeburt der Stadt Hamburg 40), deren Exemplare mit der Initiale des Autors versehen 41) und damit nicht völlig anonym im selben Monat Februar einigen der Freunde und anderen beherzten Männern überstellt wurden, vor Mai aber war keines davon in den Handel gekommen. Er wollte nämlich

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in Erfahrung bringen, wie groß der Einfluss des Schadens für eine positive Umstimmung der Gemüter sein mochte. Er selber war voll und ganz davon überzeugt, dass die Zeit gekommen sei für vorausschauende Überlegungen und für eine genaue Überprüfung der von den Vätern ererbten Institutionen, und zwar dergestalt, dass unter Korrektur oder Auslassung dessen, was dem Zeitgeist oder dem Nutzen weniger passend erschien, nicht nur die Form und gleichsam die äußeren Umrisse des Staatwesens bewahrt werden sollten, sondern wie in der Malerei das, was durch das Alter verblasst war, mit möglichst denselben Farben wieder herzustellen sei 42). Und es entging ihm nicht, dass, da die Laster überhand nahmen und Abhilfen nicht in Betracht gezogen wurden, die Verderbnis der allerbesten Verhältnisse ins Allerschlechteste ausschlug, und, was in fremden Staaten zuweilen geschieht, dass nach endlich erfolgtem Angriff alles ins Wanken geriet, das Unterste zuoberst gekehrt wurde und dass schließlich die gesellschaftlichen Klassen sich vermischten. Er war demgemäß, wenn er irgendetwas Kühneres zu raten sich anmaßte, mit weisem Vorsatz auf die Seite des Volkes, um den Staat zu retten. Es sind darüber von verschiedenen Leuten geschriebene Briefe erhalten 43) , in denen jeder nach seiner Voraussetzung die Ratschläge entweder billigt und lobt oder (zur Verwirrung der guten und zuverlässigen Männer) das damalige Elend aus Furcht vor nicht voraussehbaren Gefahren vergrößert oder als Halstarrigkeit, Dünkel und Blasiertheit beklagt, wodurch ein hoffnungsvoller oder nützlicher Ansatz wenn nicht gänzlich vereitelt, so doch sicherlich aufgeschoben und auf vielfältige Weise unmöglich gemacht werden könnte.
Als daraufhin eine große Summe Geld vor allem von Auswärtigen, die offenbar das Schicksal der Hamburger beklagten, gesammelt und durch die Freigebigkeit des Fürsten Bernadott vermehrt worden war zum Nutzen derer, die von Davout zur härtesten Winterszeit ins Exil getrieben worden waren unter Zurücklassung aller Habe und gleichsam nur mit dem nackten Leben davongekommen, als diese zu einem Teil von den Altonaern auf die menschenfreundlichste Art aufgenommen wurden 44), damit sie wenigsten ein Dach über dem Kopf hätten, zum anderen von den Lübeckern und Bremern, da fragte Perthes Abendroth nachdrücklich, ob er gewillt sei, nicht nur bei der Verwaltung und Verteilung der Gaben dabei zu sein, sondern dem sogar vorzustehen 45). Obwohl diese Aufgabe nicht frei von Mühe und auch nicht von Neid war, übernahm A. diese mit größter Sorgfalt und Würde des Amtes.
Wie gern er sich einstmals mit der Verwaltung der Stadt beschäftigt hatte, haben wir oben aufgezeigt. Kaum hatten die Franzosen die Stadt, die Befestigungsanlage und sich selbst in die Hände der Russen und Engländer begeben, von denen

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jene sie zu Lande und diese zu Wasser bedrohten, und nachdem die Magistrate auf ihre ehemaligen Posten zurückgekehrt waren, erfüllte sich Abendroth nicht nur den Wunsch, Ritzebüttel wieder zu sehen und seine Familie dort wie in einem Zufluchtsort unterzubringen, sondern er nahm sein Verwaltungsamt als Polizeichef der Stadt gemäß dem Heimkehrrecht wieder auf.
Und diese Tatsache war von nicht geringer Bedeutung, dass nämlich irgendjemand zugegen wäre, der die öffentliche Autorität gleichsam verkörperte, damit nach der Vertreibung der Feinde (die ihre Befehlsgewalt moderat genutzt haben sollen) das Wohl des Staates nicht in den Händen von Militärführen zwar befreundeter, aber auswärtiger Staaten liege. Besonders die Engländer handelten oft willkürlich, indem sie die Elbeblockade reichlich spät aussetzten, den Handelsverkehr mit den Belgiern unterbanden und indem sie sodann sämtliche Befestigungsanlagen zerstörten und abtrugen, was den Einwohnern ziemlich lästig war und nicht frei von erheblicher Gefahr, da es leicht geschehen könnte, dass sich durch die Einebnung der Deiche an dem einen oder anderen Orte Überschwemmungen ereigneten. Nachdem diese missliche Lage aber dem Herzog von Cambridge, der sich in Hannover aufhielt, überbracht und ein entsprechender Brief nach London gesandt worden war, wurden sachgemäße Befehle erwirkt 46) .
Als die Stadt Hamburg noch vom Feinde gehalten und übel zugerichtet wurde, geschah es, dass alles, was im ganzen Umkreis unter ihrer Verwaltung stand, von den Verbündeten besetzt wurde. Was aber den Ritzebüttelern, wie wir sagten, glücklich zugestanden wurde, dasselbe wünschte man an anderen Orten sehnlich herbei, d.h. das starke und vorausschauende Engagement eines an die Regierung gewöhnten und mit öffentlichem Auftrag bestallten Mannes. Von Bennigsen selber hatte mehrfach diese Bestallung als offenkundig notwenig empfohlen, die er selber zwar nicht veranlassen wollte, von der er aber bekannte, dass er sie unterstützen und genehmigen würde, wenn irgendjemand im Namen des Hamburger Senats die Mühe auf sich nehmen wolle, jene Gebiete zu verwalten. So gelangte diese Angelegenheit zu Abendroth, der, sobald er davon unterrichtet worden war, dass wegen der niederliegenden Gesetzlosigkeit alles weithin mit unglaublicher Zügellosigkeit verhandelt und beantragt werde, meinte, dass die Stadt Hamburg für diese Notlage beschließen solle, den beiden Polizeidistrikten Tode und Palm voranzustellen, zwei durch Fleiß und Rechtschaffenheit bewährte Männer, deren Befehlsgewalt durch von Bennigsen unverzüglich bestätigt wurde 47).
Aber schon standen andere und größere Amtshandlungen bevor, die eine inständigere Teilnahme erforderten. Die Stadtstaaten Lübeck und Bremen waren schon eine Weile in ihrer Würde wieder hergestellt, wiederhergestellt war auch in beiden Gemeinwesen die Macht des höchsten

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Standes. Demjenigen, der die Hamburger Situation betrachtete, bot sich nicht einmal eine Spur davon, da ein Teil der Senatoren in der belagerten Stadt eingeschlossen und die übrigen im Exil verstreut waren. Es gab Leute, die davon überzeugt waren, dass es irgendeine öffentliche Ordnung geben müsse, obwohl die Wohnungen der Bürger noch vom Feind besetzt waren, und dass irgendeine Versammlung einzusetzen sei, die, wenn auch weniger häufig, dennoch auf irgendeine Weise das Bild des einst sehr ehrwürdigen Rates vermittle, und dass schließlich die in ihn gewählten Senatoren sich nach besten Kräften dort, wo sie sich auch immer aufhielten, um das Gemeinwesen kümmern sollten. Die dies befürwortet hatten und die im Vorjahr nach dem Fall Hamburgs und Lübecks, als Bremen noch nicht befreit war, da ja das Gemeinwesen Mangel an öffentlichen Führern hatte, als Privatleute Verantwortung für Hamburger Angelegenheiten übernommen und sich bemüht hatten, das Wohl der Städte, das andere im Kampfe zu bewahren sich mühten, durch Beratung und Verhandlung mit den Bundesgenossen voranzubringen, dieselben Männer beschlossen schon Anfang Januar, ihre wie auch immer beschaffene Macht in die Hände Abendroths zurückzugeben, da nicht einer daran zweifelte, dass jener mit der versammelten Anzahl seiner Kollegen einen höchsten Bürgerausschuss in Leben rufen würde 48). Als die übrigen noch an ihrer eigenen Autorität zweifelten, forderten sehr viele Abendroth auf, sich nicht länger im Seehafen vom Lagern der Bürgergarde fernzuhalten. Auch wenn andere die Last der Übernahme der Verwaltung scheuen mochten, er selber zumindest, der offenkundig mit Befehlsgewalt ausgestattet sei, müsse irgendetwas wagen. Wenn er im Übrigen von sich aus ein Staatsamt zu übernehmen gewillt sei, würde er den Verbündeten einen sehr großen Gefallen tun, die sich darüber beklagten, dass durch Verschulden derjenigen nichts geschehe, die selber gewollt hätten, dass sie die Verantwortung für diese Angelegenheiten übernähmen. Abendroth., obwohl anfangs unsicher in seiner Haltung und fürchtend, dass er die Sense an eine fremde Ernte ansetze, merkte nach kurzer Zwischenzeit, dass die Angelegenheiten dahin gekommen seien, dass die Bürgerschaft selber mit lauter Stimme jenes Wort von Cicero auszurufen schien: Du sei selber dir der Senat: folge, wohin auch immer das Interesse des Staats dich führen mag. So geschah es, dass jener allein vieles tat 49), was nur mit gewissenhafter Sorgfalt getan zu werden pflegt, und bei Benningsen, mit dem er sehr häufige gemeinsame Beratungen hatte, nicht anders aufgenommen wurde als wenn er ausgestattet mit dem Auftrag des Senats zu ihm käme. Auf eben diesen Mann richteten sich mehr und mehr die Augen aller Aufrechten, so dass mit wundersamem Bemühen alle in bezug auf ihn gleichsam wie auf den Autor der Wiederherstellung der Republik überein zu stimmen schienen 50).
V. XV

Da die Franzosen, indem sie eine Verzögerung an die andere hängten, offensichtlich niemals aus der elendig geschundenen Stadt abziehen würden, und da die von ihnen eingesetzten Verwaltungsbeamten entweder die Flucht ergriffen oder auf ihre Amtsgewalt verzichteten, war zu befürchten, dass, sollte jede Autorität gänzlich daniederliegen, die ganze Angelegenheit in die Hände dieses Bodensatzes militärischer Zügellosigkeit gelangte. Endlich wurde der Senat konstituiert und die abwesenden Mitglieder aufgerufen, möglichst bald vor Ort zu sein und mit ihrem Rat bei der Wiedererrichtung der Republik zu helfen 51). Abendroth sind sehr viele Aufgaben übertragen worden, da er allein mit von Bennigsen eine persönliche Freundschaft gepflegt hatte und, wie gesagt, mit den benachbarten Magistraten in einem gewissen öffentlichen Auftrag verhandelt hatte. Aber auch aus einem anderen Grunde richteten sich die Augen aller auf Abendroth. Es war leicht, sich zu erkundigen, was jener politisch machen, mit welchem Erfolg und wie er jene Versprechungen hinsichtlich des Staates einlösen würde, als deren Lenker und Garant er sich in seiner privaten Schrift angeboten hatte. An jedwedem Ort half er mit, unverzüglich Pläne hinsichtlich der Neuerrichtung, wo nötig, des Gemeinwesens zu initiieren. Ja, das 20-Männer-Kollegium wurde allein dafür einberufen, dass es zusammen mit dem Senat nach Vätersitte bei Widrigkeiten und Notsituationen des Staates Abhilfe schaffe, was dank des höchsten Einsatzes und der einzigartigen Klugheit der Engagierten ziemlich gut vorankam. Als diese kurz vor dem Ende der französischen Herrschaft von ihrer Aufgabe abwichen und auch über den ganzen Stadtstaat Entscheidungen vorlegten, bewirkten sie für die damalige Lage damit nichts 52).

Nachdem sich Abendroth kurz nach Anfang September in das Amt Ritzebüttel zurückgezogen hatte, pflegte er seine Freunde, die über städtische Angelegenheiten schrieben, sehr viele Wünsche äußerten und sogar manches bejammerten, brieflich mahnend darauf hinzuweisen, dass viele Wege nach Rom führten. Sie sollten nicht am Gemeinwesen verzweifeln, auch wenn sie die eine oder andere Methode der Sanierung vergeblich versucht hätten. Für jemanden, der langsam und bedächtig voranschreite, werde der Weg nicht erfolglos sein. Nichts sei in jeder Hinsicht vollkommen. Wenn man etwas besonnener machte,

XVI

würde sich ein schuldhaftes Gefühl von Verdruss und Säumigkeit einstellen. Wo jedoch der beste Wille herrsche, höchste Mäßigung, ein nicht halbherziger Umgang mit dem Staat und Sorge um ihn, dort dürfe ein guter und beherzter Bürger wegen geringer Fehler nicht getadelt werden. Er fügte gewöhnlich hinzu, dass sein Zeugnis keinen Grund zu Verdacht geben könne, er habe ja öffentlich das, was unveränderbar schien, kenntlich gemacht. Im übrigen hafte den Bürgern eine gewisse Sorglosigkeit an und überdies eine Fahrlässigkeit; wenn man sich selber nicht anstachele, wie könne man dann die Untätigkeit eines anderen anklagen 53)?

Er war es gewohnt und darin geübt, nicht irgendetwas Optimales zu suchen, sondern nur das, was für dieses Volk erlangt werden könne. Daher kam es, dass er Unfertiges oder Unerledigtes, was jedoch in der Ausführung begriffen schien, nicht übel nahm.
Er selber erkannte seine einzigartige glückliche Situation, dass er fern von Streitigkeiten an einem Orte platziert war, wo er ohne jede direkte Irritation die Möglichkeit hatte, zu unterscheiden, was nützlich wäre und was nicht. Er widmete sich nämlich mit Leib und Seele (außer dass er Davout antwortete, der versucht hatte, mit einer Entschuldigung seinen Hass auf das Menschengeschlecht abzumildern 54) der Verwaltung von Ritzebüttel, das in der Zeit des Überganges elendig gequält und fast zugrunde gerichtet worden war 55). Ja, man könnte sogar sagen, dass sich seine Kräfte verdoppelt hatten, da er nicht nach Vorschrift handeln, sondern frei zum Besten der jeweiligen Angelegenheit entscheiden musste. Dieses Amt hat er so verwaltet, dass es schwer zu sagen ist, ob er aus jenen Strapazen selber eine größere Befriedigung als die Stadt Nutzen davongetragen hat.

Wenn man einzelnes durchmustern will, z.B. die Wiedereröffnung der Schulen, die Neubegründung der Kirche, die neu aufgenommene Armenpflege, die Kiellegung von Eilschiffen, die Einrichtung von Seebädern (die es an jenen Küsten Deutschlands überhaupt nicht gegeben hatte), indem man dies und Ähnliches aufzählte, selbst dann würde dies nicht ausreichen, richtig einzuschätzen, was die Bürger ihm eigentlich verdankten. Aber man sollte die Ritzebüttler selber anhören, die, so oft von ihrem Präfekten die Rede war, ihr Herz ausschütteten, ja sogar überquellen ließen. Dann erst würde man beurteilen können, welch ein Präfekt er gewesen ist, wenn man erfahren hat, von welcher Gesinnung die Bürger ihm gegenüber gewesen waren, nachdem er von seinem Posten geschieden war. Sie erlitten kein Ungemach (und sie waren über viele Jahre hinweg von ständigen Unglücksfällen schwer betroffen), ohne dass sie sich zu Abendroth wie in einen höchst sicheren Hafen für ihre Trübsal flüchteten. Und jener, mag er durch andere Aufgaben gebunden sein, hielt keine einzige Angelegenheit, welche seine Stadt Ritzebüttel betraf, für nicht seine ureigene,

XVII

so dass er beim Trösten und Raten, beim Aufsuchen der Freunde, beim Aufrütteln der Vermögenden, bei der Hinführung des Volkes zu mehr Mitgefühl stets bereit war, Hilfe zu leisten. Er ließ kaum ein Jahr aus, dass er die Stadt nicht besuchte. Vom Erfolg seiner Arbeit benachrichtigt, gratulierte er sich nicht, dass eine Angelegenheit gut ausgeführt war, sondern dass sie mit echter Frömmigkeit Gott gegenüber getan war, und er erinnerte daran, dass diese durch göttliche Wohltat bewirkt sei. Aus welcher Tiefe der Seele dies hervorkam, das, so erfuhren wir, bezeugten darauf Tränen der Ergriffenheit. Wer die Schrift lesen möchte, die die Ritzebüttler ihm überreichten, um zu einem festlichen häuslichen Ereignis Glück zu wünschen, und zudem die Rede [des Pastors] Walther, dessen Würde nicht einmal den leisesten Anschein von Schmeichelei zuließ, der wird überzeugt sein, dass nicht sehr viele Sterbliche ein so inniges Andenken auf Grund ihres Einsatzes für andere verdient haben 56).

Auf Bitten der Ritzebütteler wurde zugestanden, dass die Präfektur, die für sechs Jahre jemandem anvertraut zu werden pflegte, Abendroth für ein ganzes Jahr (bis zum Sommer 1821) verlängert wurde. Dem schließlich nach Hamburg zurückgekehrten wurde die Aufgabe anvertraut, sich um das Wohlergehen und die Sicherheit in städtischen Angelegenheiten zu kümmern. Dieses Amt war so umfassend und mit fast jedem Teil des Staates so verquickt, dass es von einigen jüngeren Zeitgenossen mit dem von ihrem Unverständnis entstellten Ausdruck als „Parallelstaat“ bezeichnet zu werden pflegt. Aber es konnte nicht irgendetwas besser an seine Anlage und Begabung angepasst sein. Er war nämlich äußerst tatkräftig beim Aufdecken von Spuren der Verbrechen gleichsam schon in deren Keim und von größter Ernsthaftigkeit bei der Unterdrückung von unlauteren Unterfangen, da er überzeugt war, es komme dem Staat darauf an, dass schlechte Bürger eher davon abgehalten würden, etwas im Schilde zu führen, als dass diejenigen betraft würden, die es wirklich täten. Jedoch war er selber nachgiebig, zum Verzeihen geneigt, wenn sich die Geringfügigkeit der ausgedachten Vorhaben oder die absolute Unüberlegtheit herausstellten. Zudem berücksichtigte er, was schlechter Umgang sowie Elend für einen Charakter, der von fast keiner Bildung geprägt ist, dazu beigetragen hätten. Wer weiß nicht, dass aufgrund solcher Abwägungen für ein umfassendes Urteil viel zu bedenken ist? Diese Angelegenheit kann in einem freien Gemeinwesen mit sehr schlechtem Beispiel ausgehen, zumal in einem solchen Mischmasch von Menschen diese Aufgabe sehr schwer in eine akzeptable Form gebracht werden kann. Abendroth hat dieses Amt so bekleidet, dass er, der vorher schon populär


XVIII

gewesen war, aus ihm um vieles populärer hervorging. Es gibt zwar gewisse Legenden, die sogar noch heute mündlich weitergetragen werden, die jedoch nicht schlecht zusammengedichtet worden sind, um seine Wesensart zu illustrieren. Über deren Erwähnung darf man sich, wie es scheint, nicht hinwegsetzen (sie sind fast denen vergleichbar, die der Bischof Liutprand von Cremona über den griechischen Kaiser Leo erzählt hat), weil sie glaubwürdig sind, was sie beim Volk niemals sein würden, wenn irgendetwas Ungerechteres oder Härteres oder zumindest weniger menschlich Gesagtes oder Getanes Abendroth zugesprochen worden wäre.
Wie genau er die Angelegenheiten derjenigen gekannt hat, die durch tägliche Strapazen ihren Lebensunterhalt erwerben und mit welch großem und wie klugem Eifer er vor allem das bewirkt hat, was deren Bedingung verbessern könnte, lässt sich aus zwei Einrichtungen ersehen, um deren Begründung und Förderung er sich unmittelbar nach dem, was ich eben juristische Abwägungen nannte, außerordentlich erfolgreich bemühte. Ich meine erstens eine Kasse, in der man einen sehr geringen Betrag mit garantiertem Gewinn deponieren könnte, so dass es jedermann ganz deutlich sei, dass die beste Einnahmequelle die Sparsamkeit ist. Zweitens richtete er Schulen gleichsam als Auffangorte für die jüngeren Jahrgänge ein, so dass die Knaben, von schlechten Beispielen oder verborgenen Gefährdungen abgesondert, sich nicht einmal an dem Teil des Tages nach der mütterlichen Pflege sehnten, an dem die Mutter selber wie sonst nur in Notlagen für andere Aufgaben und Arbeiten frei sein musste. Ich weiß nicht, ob aus irgend einer anderen Einrichtung diejenigen einen größeren Nutzen gezogen haben, die beschlossen, ein ehrlichen, wenn auch sehr geringen Zins zu Hause einer Bitte um Almosen oder einem zweifelhaften Gewinn vorzuziehen.
Den an diese Aufgabe von sechs Jahren mit anspruchsvoller Arbeit Gebundenen nahmen sehr verschiedene öffentliche Pflichten in Anspruch: die Präfektur von Hamm und die Sorge um die schulischen Angelegenheiten, die er für kurze Zeit an Stelle von Bausch übernahm. Man darf an dieser Stelle nicht auslassen, dass Abendroth unverzüglich seine Energie daran setzte, das Gymnasialwesen zu verbessern. Ich meine, dass es nicht allen bekannt ist, dass die ersten Entwürfe zu dessen Neubegründung und Anpassung an die Praxis von Abendroth wenn auch in knapper Zeit gemacht wurden 57).
Die Präfektur, die damals auch die Verwaltung der Vorstadt Sankt Georg mit einschloss, war ziemlich beschwerlich. Denn die Vorstadtbewohner forderten in der Zeit sehr nachdrücklich, endlich auf sicherer Rechtsgrundlage in die Stadt aufgenommen zu werden. Sie seien

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der Anmaßung des Bürgerrechtes beschuldigt, obwohl sie sich nichts anderes nähmen als was sehr oft von anderen beansprucht worden sei, ohne dass irgendjemand Einspruch eingelegt hätte. Es sei an das Gesetz appelliert (und zügiger zu handeln), dass diese Angelegenheit bisher unerhört und keiner Bitte aufgeschlossen gehandhabt worden sei. Trotz mannigfacher Verflechtungen der menschlichen Beziehungen könne sogar nach einem Jahrhundert nicht nach demselben und nicht nach einem verbindlichen Recht gelebt werden. Sie wüssten sehr wohl, dass es vielen als ziemlich egoistisch gehandelt erschiene. Aber es sei zu verzeihen, wenn sie nicht mehr gleichmütig duldeten, dass die Hoffnung auf Erwerb des Bürgerrechtes aufgeschoben werde. Dieses Gesuch wurde während der Amtszeit von Abendroth nicht mehr zu Ende geführt. Dennoch ist es kaum vonnöten zu bekräftigen, dass er nicht auf einem Gesetz hätte beharren wollen, das der Gebrauch als falsch erwiesen und das der Status des Gemeinwesens unnütz gemacht hatte.
Zum höchsten Grad der Ehre, dem Bürgermeisteramt, stieg Abendroth am 29. Juni 1831 auf, als Amsinck unserer Welt entrissen worden war. Einige Jahre hindurch agierte er mit noch unversehrten Kräften fleißig und mutig. Und zwar hielt er es der Würde seines Amtes nicht für abträglich, mit Schriftsätzen, so es die Gelegenheit erforderte, die Bürger zu ermahnen, staatliche Überlegungen zu erklären, Irrtümern und schlechten Ratschlägen entgegenzutreten. Bei dieser Angelegenheit pflegte er Möser, einen in dieser Hinsicht führenden Deutschen, sich und anderen gleichsam als Beispiel vorzunehmen.
Im vierten Amtsjahr wurde er von einer schweren Krankheit befallen, von der er sich zwar erholte, aber er erlangte niemals mehr seine frühere Tatkraft. Er kümmerte sich um die öffentlichen Geschäfte, las und machte überall mit dem Stift Anmerkungen und fasste zu Faszikeln zusammen, was vor allem über die Hamburger Angelegenheiten herausgegeben werden sollte. Er schrieb und hatte dabei keine Scheu vor zugespitzten Äußerungen, die mit derselben Nachsicht von einst abgemildert wurden. Man hätte ihn einen wohlwollenden Greis nennen können, der jugendliche Leichtigkeit und kindliche Spielereien nicht verschmähte, um sie mit ernsthafter Belehrung zu verbrämen und daraus sein Vergnügen zu ziehen. Wer sein lebhaftes Talent in seinem noch jungen Herzen kannte, konnte noch beurteilen, in welchem Maße er unverändert war.
Als jene verhängnisvolle Feuerbrunst hereinbrach - schlimmer als diese hatte sich von allen Bränden keine auf die Stadt ausgewirkt -, da freilich in dieser so großen Verwirrung und Ängstlichkeit hätte man sich einen Mann gewünscht, wie Abendroth einer gewesen war, behende, spontan und in der Beurteilung der schwierigen Sachlage erfahren. Durch seine körperliche Geschwächtheit war seine geistige Kraft beeinträchtigt und gebrochen. Und ihm, der bei so vielen Schicksalsschlägen sich den Bürgern als höchst einsatzfreudig gezeigt hatte, war nur noch übrig geblieben,

XX

fern von ihrer Menge von der ländlichen Vorstadt aus dem geballten Elend zuzusehen, es anzuhören und tiefen Schmerz darüber zu empfinden.
Von Trauer niedergedrückt, wurde durch er durch Freude nicht wieder aufgerichtet. Ich erwähnte jenen Festtag, der seinem Haus und den Freunden erblühte, den Vorabend seines fünfzigsten Hochzeitstages, den, wir haben es oben gezeigt, sogar öffentliche Ehrenbekundungen bereicherten. Wir erfuhren, dass bei dieser Gelegenheit das Gemüt des Greises von kaum einer anderen Sache so bewegt worden sei wie von der Gratulation seiner Ritzebüttler. Sie seien von ihm nämlich die Seinen genannt und fast wie eigene Kindern behandelt worden, bekräftigten sie damals und auch heute noch, um sich zu rühmen. Wenige Monate nur vergingen, bis er am 17. Dezember 1842 sanft aus dem Leben schied.

Aus der Erinnerung der Bürger ist er nicht verschwunden und wird auch nicht verschwinden. Jenes letzte nämlich, was die Zerbrechlichkeit der gemeinsamen Natur hervorbringt, kann zwar bei den Übrigbebliebenen den Schmerz hervorrufen, das Andenken an die Taten und an seine Geistesart, die allen vor Augen sichtbar bleibt, kann auf keine Weise getrübt werden.

In Abendroth gab es außer dem, was auf einen guten Bürger und fleißigen und bedächtigen Mann zuzutreffen scheint, vortreffliche Eigenschaften, die vor allem in einer Demokratie erinnernswert sind. Auch wenn er sich bei Angelegenheiten von größter Bedeutung verschiedentlich die Rollen seiner vielen Freunde angemaßt haben sollte, hat niemand jemals an seiner Beständigkeit und Liebe zum Vaterland gezweifelt. Manches hat er freier gehandhabt als ihm aufgetragen war, und er zog sich keinen Vorwurf zu, da er ja das, was er mit seiner Macht nicht vermochte, dank seiner Autorität erlangte. Er erwarb schließlich, was höchst selten ist, aus seinem keineswegs populären Amt bei dem ganzen Bürgerstand die Auszeichnung, wahrhaft populär zu sein.

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